Angst per Excel
Die Instrumentalisierung von Kriminalstatistiken durch die extreme Rechte im digitalen Raum
Vor dem Hintergrund einer zunehmend visuell geprägten politischen Kommunikation begegnet den Nutzer*innen sozialer Netzwerke in regelmäßiger Wiederkehr ein bestimmter Grafiktypus: „Vergewaltigungsstatistiken in Europa: 2000 vs. 2023". Vier Länderflaggen, zwei Spalten, große Ziffern. Für Deutschland behauptet die Darstellung einen Anstieg von 8.133 auf 39.029 Fälle, ergänzt um einen in Miniaturschrift gehaltenen Quellenhinweis auf „offizielle Kriminalstatistiken". Die Botschaft soll ohne argumentative Vermittlung wirken. Ebendarin liegt ihr eigentliches Kalkül.
Denn die Grafik ist unzutreffend. Und sie ist es keineswegs versehentlich.
Der empirische Befund: Was die amtliche Statistik tatsächlich ausweist
Die deutsche Zahl lässt sich innerhalb weniger Minuten überprüfen. Das Bundeskriminalamt erfasste in der Polizeilichen Kriminalstatistik für das Jahr 2023 insgesamt 12.186 Fälle von „Vergewaltigung, sexueller Nötigung und sexuellem Übergriff im besonders schweren Fall" gemäß §§ 177, 178 StGB. Die kursierende Grafik hat diesen realen Wert somit mehr als verdreifacht. Woher die Zahl von 39.029 stammt, bleibt offen: Sie korrespondiert mit keiner amtlich ausgewiesenen Kennzahl zur Vergewaltigung.
Doch selbst bei korrekten Ziffern wäre der Vergleich manifest irreführend. Zwischen 2000 und 2023 haben sich in mehreren Staaten sowohl die gesetzlichen Tatbestände als auch die Erfassungsregeln tiefgreifend verändert. In Deutschland trat 2016 die Reform des Sexualstrafrechts nach dem Grundsatz „Nein heißt Nein" in Kraft, die den Tatbestand erheblich erweiterte, sodass zahlreiche zuvor nicht erfasste Handlungen seither statistisch zu Buche schlagen. Das Bundeskriminalamt konstatiert selbst, dass die Zahlen vor und nach dieser Reform kaum vergleichbar sind. In England und Wales veränderten der Sexual Offences Act 2003 sowie die Umstellung auf eine opferbezogene Zählweise 2016 die Erfassungsgrundlage, weshalb die britische Statistikbehörde ONS den Anstieg der vergangenen Jahre maßgeblich mit verbesserter polizeilicher Dokumentation und einer gewachsenen Anzeigebereitschaft der Betroffenen erklärt. In Frankreich schließlich gilt der Zuwachs an Anzeigen weithin als Nachwirkung der MeToo-Bewegung.
Ein Anstieg der erfassten Fälle bezeichnet demnach zu wesentlichen Teilen einen Anstieg des Sichtbaren: mehr Anzeigen, weiter gefasste Definitionen, präzisere Erfassung. Ob und in welchem Umfang die tatsächliche Zahl der Taten gestiegen ist, lässt sich aus dieser Kurve gerade nicht ableiten. Wer rohe Fallzahlen ohne diese methodischen Kontextualisierungen nebeneinanderstellt, suggeriert eine reale Eskalation der Gewalt. An diesem Punkt kippt die Statistik in Propaganda.
Die Mechanik der Manipulation: Vom Datum zum Deutungsangebot
Derartige Grafiken folgen einem wiederkehrenden und daher erkennbaren Muster, dessen Kenntnis die entscheidende Voraussetzung der Abwehr bildet. Zunächst werden nicht vergleichbare Zeitpunkte gegenübergestellt, zwischen denen sich die Definition des Gezählten verschoben hat, sodass der Sprung auf dem Papier und nicht in der sozialen Wirklichkeit entsteht. Sodann werden Zahlen entweder schlicht erfunden oder falsch etikettiert, wofür die Ziffer 39.029 das offenkundigste Beispiel liefert. Hinzu tritt die systematische Tilgung jedes Kontexts: Weder Bevölkerungsentwicklung noch Anzeigequote, weder Gesetzesänderung noch methodische Fußnote finden Erwähnung, sondern allein die nackte, alarmierende Ziffer. Ergänzend wird durch professionelles Layout und einen vagen Quellenverweis in Kleinstschrift der Anschein amtlicher Seriosität simuliert. Die Deutung schließlich bleibt dem Publikum überlassen: Die Grafik benennt die Beschuldigten nicht ausdrücklich, weil der Kontext ihrer Verbreitung die Schlussfolgerung „die Ausländer" ohnehin unmissverständlich mitliefert.
Hierin offenbart sich die eigentliche Funktion. Die Zahl fungiert lediglich als Zünder. Die eigentliche Ladung ist eine Erzählung.
Das Narrativ hinter der Zahl: Rassismus als ideologisches Fundament
Solche Grafiken treten selten isoliert auf. Vielmehr sind sie in ein Narrativ eingebettet, das im Denken der extremen Rechten seit Jahren eine zentrale Stellung einnimmt: die Vorstellung eines „großen Austauschs" oder einer sogenannten „Umvolkung", derzufolge eine als muslimisch und nichtweiß imaginierte Bevölkerung die vermeintlich einheimische verdränge. Sexualisierte Gewalt erfüllt in dieser Konstruktion eine Schlüsselfunktion, weil sie sich in besonderem Maße emotionalisieren lässt. Der „fremde Mann" wird dabei zur Bedrohung „unserer Frauen" stilisiert.
Dieses Deutungsmuster ist keineswegs neu, sondern rekurriert auf eines der ältesten und wirkmächtigsten rassistischen Klischees überhaupt: die Figur des angeblich hypersexuellen, gefährlichen „Anderen", vor dem die „eigenen" Frauen zu schützen seien. Historisch diente es der Legitimation von Lynchjustiz, kolonialer Gewalt und rassistischer Gesetzgebung.
Im deutschen Kontext verfügt es über eine unmittelbare und historisch dokumentierte Vorgeschichte im Nationalsozialismus. Das Hetzblatt „Der Stürmer" Julius Streichers bediente systematisch die Figur des jüdischen Mannes als sexuellen Schänder „deutscher" Frauen. Der propagandistische Kampfbegriff der „Rassenschande" verband rassistische Ideologie mit sexueller Bedrohungsfantasie und bereitete den ideologischen Nährboden für die Nürnberger Gesetze sowie die nachfolgende Verfolgung. Die argumentative Struktur der heutigen Grafiken ist damit identisch: Eine ethnische oder religiöse Gruppe wird kollektiv zur sexuellen Gefahr erklärt, um sie in ihrer Gesamtheit als Feind zu markieren. Modernisiert hat sich der Wortschatz, nicht das Muster.
Damit ist freilich nicht behauptet, jede Person, die eine solche Grafik teilt, sei überzeugte Nationalsozialistin. Zahlreiche Nutzer*innen verbreiten sie aus Empörung, ohne die Herkunft des Musters zu durchschauen. Ebendarauf zielt die Strategie jedoch ab: Das Narrativ soll aus der extremen Rechten in die gesellschaftliche Mitte diffundieren, getragen von Menschen, die zu „Fakten" weiterzureichen glauben. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt diese Normalisierung als Kern rechtsextremer Social-Media-Strategie, insofern vermeintlich seriös wirkende Inhalte gezielt Angst und Hass gegenüber Menschen mit Migrationsgeschichte und Geflüchteten verbreiten, während die Verbrechen des Nationalsozialismus zugleich verharmlost oder umgedeutet werden.
Die Logik der Plattformen: Emotionalisierung als Erfolgsbedingung
Plattformen wie X, TikTok und Instagram sind für dieses Vorgehen strukturell prädestiniert. Sie prämieren, was starke affektive Reaktionen auslöst, und kaum etwas leistet dies zuverlässiger als eine große, erschreckende Zahl zu einem angstbesetzten Gegenstand. Ein nüchterner Faktencheck mit Gesetzeshistorie und Anzeigequoten besitzt gegen ein Balkendiagramm mit dem Wort „Vergewaltigung" algorithmisch kaum eine Chance. Die Fälschung ist kurz, laut und teilbar; die Richtigstellung dagegen lang, komplex und wenig anschlussfähig.
Hinzu tritt die organisierte Verstärkung. Im Vorfeld der Bundestagswahl 2025 identifizierte das Institute for Strategic Dialogue eine groß angelegte Desinformationskampagne mit über 6.000 Bots und gefälschten Accounts, die gezielt Falschinformationen unter anderem zu Migration und Sicherheit streute und, wie die Bundeszentrale für politische Bildung berichtet, teils von russischen Akteur*innen gesteuert wurde. Derartige Netzwerke fluten Kommentarspalten, erzeugen den Anschein einer Mehrheitsmeinung und verdrängen die Gegenrede. HateAid und das Bundeskriminalamt verweisen darüber hinaus auf die wachsende Bedeutung KI-generierter Inhalte und Deepfakes, welche die Grenze zwischen Authentischem und Fabriziertem zusätzlich verwischen. Das Resultat ist eine Öffentlichkeit, in der eine erfundene Zahl millionenfach rezipiert wird, ehe sie irgendjemand überprüft.
Gegenstrategien: Zwischen Faktenkorrektur und Prebunking
Gegen dieses Muster existiert kein Patentrezept, wohl aber ein Repertoire wirksamer Ansätze. An erster Stelle steht die Korrektur der konkreten Zahl: Der Hinweis, dass das Bundeskriminalamt für 2023 in Deutschland 12.186 und nicht 39.029 Fälle auswies, entwaffnet die Fälschung nachhaltiger als jede Empörung. Wesentlicher noch ist die Benennung des zugrunde liegenden Musters, denn wer offenlegt, wie manipuliert wird, mittels nicht vergleichbarer Jahre, getilgten Kontexts und erfundener Ziffern, macht die nächste Grafik gleich mit unschädlich. Die Medienforschung fasst diesen Ansatz unter dem Begriff des „Prebunking": die Immunisierung der Rezipient*innen gegen typische Manipulationsstrategien, bevor sie ihnen begegnen. Hinzu tritt die konsequente Sichtbarmachung der Quelle, zumal die amtlichen Kriminalstatistiken des Bundeskriminalamts, der ONS und des französischen SSMSI öffentlich zugänglich sind und ein vager Miniatur-Quellenverweis das Gegenteil von Transparenz darstellt. Schließlich gilt es, die eigentliche Absicht zu adressieren: Der Schutz von Frauen vor Gewalt bildet nachweislich nicht den Zweck dieser Grafiken, wie sich bereits daran zeigt, dass dieselben Kreise reale Maßnahmen gegen sexualisierte Gewalt, Frauenhäuser oder die Istanbul-Konvention regelmäßig bekämpfen. Es geht um Rassismus mit statistischer Fassade.
Fazit
Die „Vergewaltigungsstatistik", die durch die Timelines zirkuliert, erweist sich als exemplarisches Lehrstück. Ein realer Wert von 12.186 wird zu einer erfundenen Ziffer von 39.029 aufgebläht, jeder Kontext getilgt und ein seriöses Layout darübergelegt, sodass ein Instrument entsteht, das eine uralte rassistische Erzählung transportiert, deren deutsche Ausprägung unmittelbar in die Propaganda des Nationalsozialismus zurückreicht. Wer aus 12.000 die Zahl 39.000 macht, unterliegt keinem Irrtum, sondern rechnet vor, was er ohnehin zu behaupten beabsichtigte. Die angemessene Antwort darauf besteht folglich nicht in lauterer Empörung, sondern in der ruhigen, überprüfbaren Zahl und in der Aufklärung darüber, weshalb jemand sie fälschen musste.